31.03.2025

„Versehrte Landschaften“ – Gedächtnisorte als Naturräume, Naturräume als Gedächtnisorte

Workshop

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und das Zentrum Erinnerungskultur der Universität Regensburg kooperieren eng miteinander und planen für den 20.-22. November 2025 einen interdisziplinären Workshop in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, der sich dem Verhältnis von Erinnerungs-/Gedächtnisorten und Umwelt sowie deren Wechselwirkungen widmen wird.

Ausführliche Informationen finden Sie im folgenden Call for Papers. Einsendeschluss ist der 4. Mai 2025.

Termin: Do–Sa, 20.–22.11.2025
Ort: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Gedächtnisallee 5, 92696 Flossenbürg

Menschliche Handlungen stehen in vielfältiger Wechselwirkung mit der Umwelt: Natürliche Faktoren beeinflussen, wo und wie gesiedelt und gewirtschaftet wird, wie Grenzen verlaufen, warum, wo und wie Kriege geführt und Schlachten geschlagen werden. Nicht zuletzt beeinflussen sie, welches Selbstverständnis menschliche Gesellschaften von sich selbst entwickeln. Zugleich ist menschliches Handeln im höchsten Maße transformativ: z. B. durch Landwirtschaft, Ressourcenextraktion, Bau von Städten und Infrastrukturen, Industrie, Konsum, Eintrag von (giftigen) Stoffen, Kriegshandlungen, Grenzziehungen usw.

Wie jedoch wird der Faktor Umwelt bei der Beschäftigung mit Geschichte berücksichtigt, in erinnerungskulturellen Praktiken und Analysen? (Wie) wird er miterzählt, welche Bedeutung wird ihm beigemessen? Wie werden Geschichten erinnert, die nicht nur menschliche Akteur*innen oder Gesellschaften betrafen, sondern die auch wesentlich beeinflusst von Umweltfaktoren waren und/oder deutliche Auswirkungen auf die natürliche Umwelt hatten? Wie also beziehen historische Museen, Gedenkstätten, Geschichtsparks, Freilichtmuseen, Geschichtsinitiativen u. ä. die natürliche Umwelt in ihre Arbeit ein?

Das betrifft nicht nur „schöne“ Orte wie etwa Schlossgärten oder Darstellungen des alltäglichen Lebens und Wirtschaftens in früheren Zeiten in ländlichen Freilichtmuseen, sondern auch Orte mit „schwieriger“ Geschichte, die sich gar nicht oder zumindest nicht ausschließlich als Erfolg, Triumph oder Heldentat erzählen lässt. Dazu zählen Schauplätze militärischer Nutzung bei Kriegshandlungen, Test oder Entsorgung von Kampfmitteln (konventionelle wie auch ABC-Waffen), von kollektiver Gewalt (Zwangsarbeit, Zwangsmigration), Grenzzonen und Sperrbezirke, Orte von Ressourcenextraktion, Abfallentsorgung, baulichen und infrastrukturellen Großprojekten, „Naturkatastrophen“ oder technischen (z. B. atomaren/chemischen) Großunfällen.

Solchen „versehrten Landschaften“ widmet sich der Workshop – Orten, die tiefgreifend und dauerhaft von menschlichen Eingriffen betroffen waren und zu einem „schwierigen Erbe“ für Menschen und Umwelt geworden sind. Dabei fokussieren wir weniger die Realgeschichte dieser Orte, sondern interessieren uns vor allem für „versehrte Landschaften“ als Gegenstände und Schauplätze von Erinnerungsarbeit. Wir verstehen sie als interdisziplinär herausfordernd, über kulturwissenschaftlich-historische Fächer sowie die Praxis der Erinnerungsarbeit hinaus. Deshalb hoffen wir auf Beteiligung aus den Kultur-, Geschichts- und archäologischen Wissenschaften ebenso wie aus den Geo- und Biowissenschaften. Auch künstlerische oder mediale Arbeiten sind willkommen.

Willkommen sind im Workshop Fallstudien zu Memorialisierungs- und Musealisierungsvorgängen in solchen schwierigen Landschaften, besonders freuen wir uns über laufende oder unlängst abgeschlossene Praxisbeispiele. Ebenso willkommen sind konzeptionell-theoretische Beiträge. Sehr gerne können Beiträge über den nationalen Rahmen hinausgehen, indem sie vergleichende Perspektiven oder (außer)europäische Fallbeispiele beisteuern.

Die Beiträge können sich auf folgende Bereiche beziehen, gern aber auch weitere Aspekte adressieren:

  • Welchen Stellenwert haben Natur, Umwelt und Landschaft in öffentlichen Erinnerungsdiskursen und -praktiken? Wo und wie werden sie als prägender Faktor in der gesellschaftlichen Erinnerungsarbeit angesehen? Wie wird ihr Einfluss erzählt, dargestellt, vermittelt? Welche möglichen und angemessenen Darstellungsformen gibt es?
  • Welche Herausforderungen halten die Eigenlogiken der natürlichen Umwelt für die Erinnerungsarbeit bereit? Das kann etwa Vegetation, Lebenszyklen oder Jahreszeiten betreffen (Verbuschung, Tierpopulationen, Landschaftswandel…) und umfasst ein weites Spektrum: Von Artenschutzmaßnahmen auf historischen Arealen bis zur Anschaulichmachung anderer Zeitlichkeiten, etwa im Zusammenhang mit Vegetationszyklen, der Langlebigkeit von Umweltkontaminationen oder der Dauer von Renaturierungsprozessen. Wo „stören“ solche Dynamiken die Erinnerungsarbeit, wie lassen sie sich produktiv einbeziehen? Wo kommt ihnen darüber hinaus ein erklärendes Potential zu, das kognitiv oder emotional zum besseren Verständnis der historischen Vorgänge beiträgt? Wie werden Orte memoriert und musealisiert, die nicht betreten werden können, z. B. wegen radioaktiver Strahlung oder anderer Kontaminationen?
  • Welche analytischen, theoretischen, methodischen und künstlerischen Werkzeuge stehen in verschiedenen Disziplinen zur Verfügung, um die Thematik zu fassen – von „ökologischen Erinnerungsorten“ bis zur Akteur-Netzwerk-Theorie, von der Biotopkartierung bis zur Luftbildarchäologie? Welche Disziplinen sind an solchen Fragestellungen beteiligt und sollten deshalb einbezogen werden, von Denkmalpflege bis Botanik? Welche künstlerischen Strategien gibt es, mit solchen Orten umzugehen?
  • Wie lassen sich solche Räume analytisch benennen, gruppieren und systematisieren? Welche Kriterien können dafür aus den unterschiedlichen Disziplinen herangezogen werden? Welches analytische Potenzial hat der hier im Titel gesetzte Begriff der „versehrten Landschaften“, was kann er fassen bzw. durch welche Aspekte und Begrifflichkeiten muss er ergänzt werden?

Vorschläge für 20-minütige Vorträge senden Sie bitte als Abstract (2.000 Zeichen) bis zum 4. Mai 2025 mit einem kurzen CV und unter Angabe einschlägiger Veröffentlichungen an bianca.hoenig@zea.uni-regensburg.de und tsaalmann@gedenkstaette-flossenbuerg.de.

Die Rückmeldung über die Teilnahme am Workshop erfolgt spätestens bis zum 2. Juni 2025.

Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung werden übernommen.