
Digitale Lernangebote für den Geschichtsunterricht boomen – doch wie sie tatsächlich genutzt werden, ist bislang nur unzureichend erforscht. Von dieser Ausgangsbeobachtung ausgehend stellte Prof. Dr. Anke John am 17. März 2026 an der Universität Regensburg das digitale Editions- und Bildungsportal „evaschiffmann.de“ sowie begleitende empirische Untersuchungen zu dessen Nutzung vor.
Der Vortrag von Anke John, Inhaberin der Professur für Geschichtsdidaktik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Mitglied des Beirats des Zentrums Erinnerungskultur, gliederte sich in zwei Teile: eine ausführliche Vorstellung des Portals sowie die Präsentation empirischer Befunde und deren Implikationen für Forschung, universitäre Lehre und Geschichtsunterricht.
Die Website evaschiffmann.de ist als Editions- und Bildungsumgebung angelegt, die auf zwei Ebenen arbeitet. Die Editionsebene macht das im Stadtarchiv Gotha überlieferte Jugendtagebuch der deutsch-jüdischen Schülerin Eva Schiffmann (1912–2003) zugänglich, das zwischen 1925 und 1930 entstand und 177 handschriftliche Seiten umfasst. Die zweite Ebene bietet eine didaktisch strukturierte Lern- und Rechercheumgebung, die das Tagebuch kontextualisiert. Nutzende erhalten hier Informationen zur Verfasserin sowie zu zentralen Themen rund um das Tagebuch – etwa zu Jüdischsein, Krieg und Frieden oder Kino und Theater. Zudem können sie sich dem Tagebuch und seiner Autorin über verschiedene Orte annähern.

Im Zentrum der Konzeption steht die eigenständige Auseinandersetzung mit dem suchenden Schreiben einer Jugendlichen in den „besten Jahren“ der Weimarer Republik, in der Moderne und Demokratie vielfach noch eng miteinander verbunden wurden. Die Tagebucheinträge geben Einblick in die Aushandlung zentraler Fragen der Zeit aus der Perspektive einer deutsch-jüdischen Jugendlichen: Bildungschancen, Geschlechterrollen, berufliche Selbstverwirklichung sowie Fragen der eigenen Lebensplanung, die auch mit ihrem Zionismus in einem Spannungsverhältnis stehen.
Prof. Dr. Anke John hob drei Zielsetzungen des Portals hervor. Erstens zielt es auf eine historische Demokratiebildung, die das Scheitern der Weimarer Republik nicht als zwangsläufig darstellt, sondern die Offenheit historischer Entwicklungen sichtbar macht. Dabei betonte sie, dass Demokratiebildung nicht affirmativ bleiben dürfe. Das Tagebuch zeige vielmehr, dass die erweiterten Handlungsspielräume in pluralen Gesellschaften auch mit Unsicherheiten und Konflikten verbunden waren. Zweitens eröffnet das Tagebuch einen Zugang zur Alltagsgeschichte der Weimarer Moderne am Beispiel einer mittleren Stadt wie Gotha und verknüpft dabei lokale Erfahrungen mit überregionalen und globalen Bezügen. Drittens wird deutsch-jüdische Geschichte vor 1933 als selbstverständlicher Bestandteil gesellschaftlicher Wirklichkeit erfahrbar gemacht.
Der zweite Teil des Vortrags widmete sich den Ergebnissen von Nutzungsanalysen, die in Kooperation mit der angewandten Informatik durchgeführt wurden. Auf der Grundlage von 76 Nutzungsverläufen aus vier Schulklassen zeigte sich, dass Lernende das Portal zunächst in Orientierungsphasen systematisch erschließen und anschließend unterschiedliche Strategien entwickeln. Dabei wurde deutlich, dass die Offenheit des Portals eigensinnige Nutzungsweisen ermöglicht. Einige Lernende wechseln gezielt zwischen der Ebene der Quellen und der Ebene der kontextualisierenden Darstellungen, was aus geschichtsdidaktischer Perspektive als besonders förderlich für historisches Lernen gilt. Andere verbleiben auf einer Ebene, während wieder andere eigenen Interessen folgen und die für die Erhebung vorgegebenen Aufgabenpfade verlassen. Diese Vielfalt an Lernwegen verweist auf die Potenziale und zugleich auf die Herausforderungen offener digitaler Lernumgebungen.

Abschließend verwies John darauf, dass die entwickelten Analyseinstrumente auch für die Untersuchung anderer digitaler Bildungsangebote geeignet seien. Zugleich betonte sie, dass die Analyseergebnisse auch in der Lehrerbildung eingesetzt werden könnten. Sie ermöglichen, unterschiedliche Lernwege sichtbar zu machen und die Förderung historischen Lernens im Kontext selbstgesteuerter Lernprozesse zu reflektieren. Für den Unterricht eröffnet das Portal vielfältige Einsatzmöglichkeiten – von einzelnen Doppelstunden bis hin zu Projektwochen – und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für fächerverbindendes Lernen, etwa mit den Fächern Ethik, Deutsch, Biologie oder Musik.




