12.02.2026

Werkstattgespräch mit Jan Blažek

Nicht vergessen, sondern wieder erleben. Erinnerungskultur und Graphic Narratives

Im Mittelpunkt des Werkstattgesprächs „Nicht vergessen, sondern wieder erleben. Erinnerungskultur und Graphic Narratives“ stand das Thema Erinnerung in Graphic Novels am Beispiel der bis heute kontrovers diskutierten Zwangsaussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei. Der tschechische Autor, Dokumentarist und Mitarbeiter von Memory of Nations Jan Blažek hielt dazu am 21. Januar 2026 einen Vortrag im Rahmen des Seminars „Graphic Memoirs: Autobiographie und Erinnerung in Comics“, der in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Medienwissenschaft der Universität Regensburg stattfand. Initiiert wurde die Veranstaltung von der Seminarleiterin Verena Baier (Universität Regensburg), die Jan Blažek zum Werkstattgespräch einlud. Anhand diverser Beispiele aus seiner praktischen Arbeit an der Schnittstelle von Oral History und visueller Narration verdeutlichte er, wie grafisches Erzählen jenseits klassischer Geschichtsschreibung historische Erfahrungen nicht nur dokumentiert, sondern auch emotional erfahrbar machen kann. Dabei ging es auch um seine eigene Tätigkeit als Autor von Graphic Novels.

Nach einer einführenden Vorstellung des tschechischen Vereins Post Bellum, der im Rahmen des Archivs Memory of Nations seit über zwanzig Jahren Zeitzeugenberichte sammelt, sowie einer Einführung in die Diskurse der tschechoslowakischen Nachkriegszeit stellte der Autor fünf Zeitzeug*inneninterviews vor, die er in Zusammenarbeit mit Zeichner*innen sowie dem Schriftsteller und Co-Autor Marek Toman in der Graphic Novel „Odsunuté děti / Die vertriebenen Kinder“ bearbeitet hat. In den Interviews wie auch in seinem Werk werden unterschiedliche Perspektiven von Deutschen thematisiert, die als Kinder aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden.

Damit veranschaulichte Jan Blažek die Vielfalt individueller Erfahrungen mit und Haltungen gegenüber der Zwangsaussiedlung und diskutierte diese Aspekte mit dem Publikum. Dabei wurden zentrale Fragen nach Repräsentanz, Authentizität und inhaltlicher Gestaltung aufgeworfen. Für Jan Blažek ist die auch in seiner Graphic Novel dargestellte Vielfalt individueller Geschichten entscheidend, um Repräsentanz und historische Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Daher erfordere die graphische und künstlerische Umsetzung den sorgfältigen Einbezug historischer Details. Überdies habe bei „Die vertriebenen Kinder“ die künstlerische Differenzierung eine zentrale Rolle gespielt, wie beispielsweise der Einsatz variierender Farb- und Drucktechniken zur Markierung verschiedener Zeitebenen oder Perspektiven.

Auch die Möglichkeiten, die das Medium Graphic Novel bereithält, wurden vom Vortragenden erörtert. Laut Blažek habe die Rezeption seines Werks gezeigt, dass derartige graphische Vermittlungsformen wirkungsvoll seien, da sie eine breite Öffentlichkeit erreichten. Zudem erforderten sie ein interdisziplinäres Team, bestehend aus Zeichner*innen, Historiker*innen und weiteren Fachpersonen, die das Werk vervollständigten. Eben durch eine solche kollaborative Arbeitsweise werde bereits im Arbeitsprozess eine gemeinschaftliche Auseinandersetzung mit einem historischen Thema ermöglicht. Darüber hinaus eigneten sie sich laut Blažek besonders gut für die Thematisierung und gesellschaftliche Kommunikation vergangener Ereignisse, beispielsweise in Schulgruppen oder Workshops. Aufgrund dieser vielseitigen Funktion könne graphisches Erzählen als zeitgemäße Form der Erinnerung verstanden werden, die Comics als bedeutsames Medium des Erinnerns etablierten.