Den Auftakt der Veranstaltung am 21.10.2026 bildete eine einstündige Führung durch Ilse Danziger, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg. Sie gab zunächst im Gemeindesaal einen geschichtlichen Überblick über das jüdische Leben in Regensburg, das seit 981 nachweisbar ist. Nach der Vertreibung der Gemeinde und der Zerstörung des jüdischen Viertels im Jahr 1519 gab es erst ab dem 19. Jahrhundert wieder eine jüdische Gemeinde in Regensburg. 1912 wurde am Brixener Hof eine große Synagoge mit Kuppel erbaut, die in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde. Genau 500 Jahre nach der Vertreibung von 1519 wurde am 27.02.2019 die neue Synagoge am Brixener Hof eingeweiht. Der Rundgang führte vorbei am Treppenabgang zur Mikwe, in das alte Gemeindehaus mit dem Gebetsraum und schließlich in den modernen Synagogenneubau mit etwa 100 Plätzen für Männer, Thoraschrein, Bima und Frauenempore, der mit seiner schlichten Holzverkleidung und der Kuppel aus 20 Holzsegmenten beeindruckt.



Professor Bernhard Löffler, Direktor des Zentrums Erinnerungskultur (ZE), eröffnete im Anschluss an die Führung das Podiumsgespräch im Gemeindesaal. Das Ziel der neuen Veranstaltungsreihe „Architektur und Erinnerung“ ist die Beleuchtung des Spannungsfeldes zwischen materieller Erhaltung historischer Bausubstanz, zeitgenössischer Nutzung und gesellschaftlicher Erinnerungsarbeit.
Die Moderation übernahm Claudia Binswanger, Kulturwissenschaftlerin beim Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e. V., wo sie das Netzwerk jüdisches Leben und Erbe betreut. Sie stellte die Podiumsgäste vor: Monika Grübel, Judaistin und Leiterin des Kulturhauses Landsynagoge Rödingen beim Landschaftsverband Rheinland, und Christian Porzelt, Historiker, Kreisheimatpfleger im Landkreis Kronach und Mitarbeiter in der Provenienzforschung und im Projekt „Vermittlung und Forschung in Bayerisch-Schwaben“ im Jüdischen Museum Augsburg.


Als ersten Praxisbericht präsentierte Monika Grübel das konservatorische Konzept der Landsynagoge in Rödingen im Kreis Düren. Von ehemals 329 rheinischen Landsynagogen wurden die meisten im Nationalsozialismus umgenutzt und stark verändert. Abgebrochen wurden die meisten Gebäude jedoch erst in der Nachkriegszeit. Das Objekt in Rödingen entging einer Zerstörung beim Novemberpogrom 1938, da die jüdische Gemeinde dort bereits vorher wegen einer zu geringen Zahl männlicher Mitglieder aufgelöst und das Gebäude 1934 an einen nichtjüdischen Eigentümer verkauft worden war, der es als Werkstatt nutzte. 1999 erwarb der Landschaftsverband Rheinland den stark sanierungsbedürftigen Komplex samt Vorsteherhaus.
Anstelle einer historisierenden Rekonstruktion eines „Idealzustands“ wurde die gezielte Sichtbarmachung aller Zeitschichten und Nutzungsspuren gewählt, und zwar sowohl der jüdischen Nutzung als auch der christlichen Eigentümerphasen und der allgemeinen Bauentwicklung. Erhalten und didaktisch aufbereitet wurden etwa die Nische für den Thoraschrein, Aussparungen an den Türen für Mesusot, ein eingeritzter Name einer jüdischen Bewohnerin an einem Fenster sowie handwerkliche Relikte der zwischenzeitlichen Nutzung als Metzgerei und Schaustellerwerkstatt (z. B. Farbreste von der Zirkuswagenlackierung). Da der Originalboden fehlte, konnte eine moderne Fußbodenheizung eingebaut werden. Das Notpultdach aus der Nachkriegszeit wurde gesichert und durch die Kontaktaufnahme zu den Urenkelinnen des Erbauers kann die Baugeschichte heute mit konkreten Familiengeschichten verbunden werden. „Gerade die erhaltenen Spuren sind Anlässe für Geschichten, die man bei Führungen erzählen kann“, stellte Grübel fest.


Christian Porzelt konzentrierte sich auf ein Beispiel aus Oberfranken und stellte das „Zapfenhaus“ in Mitwitz im Landkreis Kronach vor. Das 1716 errichtete Gebäude wurde ab 1775 von jüdischen Eigentümern (Meyer Salomon, Familie Friedmann) bewohnt und 1801 aufgestockt. Mitte des 19. Jahrhunderts ging es wieder in christlichen Besitz über (namensgebende Familie Zapf) und seit den 1980er Jahren steht es leer. Zu den baulichen Merkmalen, die das Gebäude als jüdisches Wohnhaus ausweisen, zählt die Mikwe: Im tonnengewölbten Sandsteinkeller befindet sich ein über sieben Stufen zugängliches, durch einen konstanten Grundwasserspiegel theoretisch heute noch funktionsfähiges Tauchbad. Auf dem Dachboden existieren außerdem Reste einer fest installierten Laubhütte (Sukkot). Mithilfe einer klappbaren Konstruktion wird der Sternenhimmel von der früher darunterliegenden Laubhütte aus sichtbar. Das Haus verfügt des Weiteren über eine historische Balkendecke, Türbeschläge aus dem frühen 19. Jahrhundert und bis zu 20 übereinanderliegende Farbschichten. Es leidet derzeit unter massiven Schäden. Trotz einer digitalen 3D-Vermessung im Jahr 2020 droht durch den Stopp der Sanierungspläne der weitere Verfall. Ein bereits geplanter Abbruch konnte jedoch verhindert werden.
Als Vergleichsbeispiel nannte Porzelt die Landsynagoge in Augsburg-Kriegshaber, bei deren Sanierung ebenfalls heterogene Nutzungsphasen und historische Wunden architektonisch sichtbar stehengelassen wurden.


Moderatorin Claudia Biswanger fragte zu Beginn des anschließenden Gesprächs nach den Spezifika jüdischer Architektur. Grübel und Porzelt betonten, dass Profanbauten sich – vor allem auf dem Land – äußerlich nicht von den Gebäuden christlicher Eigentümer unterschieden, da dieselben ansässigen Handwerker die gleichen lokalen Baustoffe und Techniken dafür nutzten. „Jüdisch“ würden sie aber durch die Eigentümergeschichte und Spuren der Religionsausübung (z. B. Mikwen, Sukkot, Mesusot).
Erst im 19. Jahrhundert entstand vor allem durch Bauvorschriften ein gewisser eigener Synagogenstil. Der im Historismus populäre maurische Stil war unter König Ludwig I. in Bayern zeitweise baupolizeilich für Synagogen vorgeschrieben, um eine optische Abgrenzung zu christlichen Kirchen (Neogotik/Neoromanik) zu erreichen. Zugleich stellte er aber eine allgemeine Modeerscheinung des Historismus dar, die sich auch in Profanbauten wiederfand. Spezifische orthodoxe Bauvorschriften (z. B. ein Verbot von Fenstern mit Blick auf christliche Symbole), nach denen aus dem Publikum gefragt wurde, waren ein Phänomen dichter mittelalterlicher Stadtquartiere und sind in neuzeitlichen Landgemeinden nicht nachweisbar.
Als strukturelle Probleme für die Erhaltung ländlicher jüdischer Architektur wurde festgestellt, dass für Gemeinden aufgrund von Zuschüssen weniger die bauliche Sanierung an sich schwierig ist, sondern vor allem langfristige Personalkosten für eine dauerhafte Nutzung nach der Instandsetzung. Claudia Binswanger wies in diesem Zusammenhang auf das Problem des fortlaufenden Substanzverlusts hin und erläuterte den Negativpreis „Abriss des Jahres“ des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege.
Monika Grübel betonte, dass nach den mittelalterlichen Vertreibungen aus den Städten rund 90 Prozent des jüdischen Lebens in Süd- und Westdeutschland auf dem Land stattfand. Deshalb waren sich die Podiumsgäste einig, dass der Erhalt authentischer Zeugnisse jüdischen Lebens vor allem auf dem Land unverzichtbar ist. Als Gründe führten sie an, dass Landsynagogen und Wohnhäuser zeigen, dass jüdische und christliche Bevölkerungen im ländlichen Raum nicht getrennt lebten, sondern den dörflichen Alltag teilten. Des Weiteren dürfe sich die didaktische Vermittlung nicht auf die Shoah beschränken. Vielmehr sei auch das Verständnis der jahrhundertelangen Vorgeschichte und des christlich-jüdischen Zusammenlebens vor dem Nationalsozialismus für die historische Bildung essenziell. Schließlich belege die ländliche Architektur das oft bescheidene Auskommen der Landjuden, die sich wirtschaftlich kaum von ihren christlichen Nachbarn unterschieden. Zudem dienten die Orte als physische Ankerpunkte für biografische Recherchen von Nachkommen aus dem Ausland.
Als Veränderungen in der Denkmalkultur wurde festgestellt, dass die meisten Abrisse umgenutzter Landsynagogen im Wirtschaftswunder von den 1950er bis 1970er Jahren stattfanden. Vor dem bayerischen Denkmalschutzgesetz von 1972 gab es außerdem kaum eine rechtliche Handhabe für den Erhalt profaner Bauten. Ein breites gesellschaftliches Umdenken setzte erst in den 1980ern ein. Im Hinblick auf den 50. Jahrestag der Reichspogromnacht 1988 wurden Gebäude oft radikal in einen vermeintlichen „Originalzustand“ zurückgebaut und spätere Zeitschichten getilgt. Die moderne Denkmalpflege konserviert hingegen heute bewusst Brüche und Umnutzungen als historische Zeugnisse. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) unterstützt dies durch einen eigenen Fachreferenten für jüdische Baudenkmäler. Als positive Praxisbeispiele wurden ein privat restauriertes jüdisches Wohnhaus in Wiesenbronn sowie die als Gedenkort im Originalzustand wiederhergestellte Synagoge im oberpfälzischen Floß genannt. Das Dokumentationsprojekt „Mehr als Steine“ erforscht zudem die jüdische Ortsgeschichte in Bayern.
Jüdische Baudenkmäler auf dem Land, wie das Zapfenhaus in Mitwitz, bleiben ohne tragfähige, langfristige Nutzungskonzepte trotz digitaler Dokumentation weiterhin vom schleichenden Verfall bedroht. Der nachhaltige Erhalt jüdischer Architektur erfordert auch in Zukunft das Zusammenspiel von Denkmalpflege, kommunalpolitischem Willen und zivilgesellschaftlicher Initiative.




Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V. und der Jüdischen Gemeinde Regensburg statt.
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