Zu Beginn des 20. Jahrhunderts löste der geplante Bau eines Wasserkraftwerks bei Laufenburg am Hochrhein eine der bekanntesten Auseinandersetzungen um den Landschaftsschutz im Deutschen Kaiserreich aus. Während Ingenieure und Betreiber darin ein „Wunderwerk der Technik“ und einen Beitrag zur Energieversorgung sahen, wollten Landschaftsschützer die Stromschnellen als „Wunderwerk der Natur“ erhalten. Die Stromschnellen verschwanden. Heute steht nun stattdessen das damals errichtete Kraftwerk selbst unter Denkmalschutz. Was zunächst die Zerstörung einer schützenswerten Landschaft bedeutete, gilt heute als erhaltenswertes Zeugnis der Industriegeschichte.
Welche Spuren welcher Geschichte erhalten wir? Dieser Frage widmete sich Prof. Dr. Ingrid Scheurmann am 8. Juli 2026 im Großen Runtingersaal. Scheurmann ist Honorarprofessorin für Denkmalpflege und angewandte Bauforschung an der Technischen Universität Dortmund. Unter dem Titel „Erinnerungen der Landschaft – Erinnerungen an die Landschaft“ stellte sie in der von Prof. Dr. Juliane Tomann (Juniorprofessorin für Public History an der Universität Regensburg) moderierten Veranstaltung Überlegungen aus ihrem 2024 erschienenen Buch „Fragiles Erbe. Schutz und Erhaltung im Anthropozän“ vor. Die Veranstaltung fand in der Reihe „Debatten und Positionen zur Erinnerungskultur“ in Kooperation mit dem Historischen Verein für Oberpfalz und Regensburg statt.

Das Nachdenken über Erinnerung richtet sich in Geschichtswissenschaft, Politik und Kultureinrichtungen häufig auf Opfer- und Täterorte, insbesondere auf Schauplätze von Krieg und Verfolgung. Von diesen vertrauten Erinnerungsorten ausgehend weitete Scheurmann den Blick auf materielle Spuren, bei denen einzelne Akteur*innen nicht mehr zu identifizieren sind und die Landschaft selbst als Gedächtnis des Geschehenen hervortritt. Landschaften speichern Veränderungen über lange Zeiträume. Sie bewahren Spuren geologischer Prozesse ebenso wie die Folgen von Industrialisierung, Atomwaffentests und Plastikverbrauch. Sie sind deshalb nicht als unberührte Natur zu verstehen, sondern als historische Zeugnisse und Mittler zwischen Natur und Kultur.
Dies gilt für Agrarflächen, regulierte Flüsse, Verkehrswege, Tagebaue und Solarparks. Hinzu kommen weniger sichtbare Veränderungen von Böden und Atmosphäre. In modernen Landschaften, so Scheurmann, begegnen Menschen daher vielfach den beabsichtigten und unbeabsichtigten Folgen ihres eigenen Handelns. Mit dem im Untertitel ihres Buches aufgegriffenen Begriff des Anthropozäns beschrieb Scheurmann den Menschen dabei als eine prägende geologische Kraft. Ein besonders anschauliches Beispiel dafür bot im Vortrag der Braunkohletagebau Welzow-Süd in der Lausitz. Dort wurde seit der DDR-Zeit eine historisch gewachsene Kulturlandschaft großflächig abgebaggert. Im Zuge des Abbaus kamen teilweise bis zu einer Milliarde Jahre alte Findlinge zum Vorschein, die dokumentiert und in der neu gestalteten Freizeitlandschaft aufgestellt wurden. Als „Erinnerung der Steine“ verweisen sie auf Vorgänge weit vor der menschlichen Geschichte. Ihr neuer Standort dokumentiert zugleich die tiefgreifenden Eingriffe des Menschen. An ihnen treffen somit die Tiefenzeit der Erde, die Geschichte menschlicher Nutzung und die industrielle Transformation der Gegenwart aufeinander.

Neben solchen materiellen Spuren nahm Scheurmann die kulturell tradierten Bilder von Landschaft in den Blick. Seit der Frühen Neuzeit entwarfen Künstler idealisierte Ansichten, in denen Natur, Architektur und historische Monumente harmonisch miteinander verbunden erschienen. Historische Parks und Gärten übertrugen solche Vorstellungen in gestaltete Räume. Auch die Umgebung von Regensburg und Donaustauf wurde mit Bauwerken wie der Walhalla als Kunstlandschaft verstanden und inszeniert. Scheurmann ordnete diese Bilder in die Umbrüche der Moderne ein.
Seit etwa 1800 wurden Beschleunigung und technischer Fortschritt zunehmend von Verlusterfahrungen begleitet. Idealisierte Landschaften bildeten dazu ästhetische Gegenwelten und prägten die Vorstellung davon, was als schön und schützenswert galt. Technisch veränderte oder kontaminierte Landschaften entsprachen diesem Ideal nicht, obwohl gerade sie deutliche Spuren der modernen Geschichte bewahren.
Dass die Kritik an der technischen Unterwerfung der Natur weit zurückreicht, verdeutlichte Scheurmann am Beispiel der Alpen. John Ruskin und Eugène Viollet-le-Duc untersuchten dort bereits im 19. Jahrhundert Erosionsprozesse. Ruskin forderte den Schutz der Hochgebirgsregionen und verband ihn mit generationenübergreifender Verantwortung. Angesichts der gegenwärtigen Gletscherschmelze erhalten solche Überlegungen neue Dringlichkeit. Mit den Gletschern verschwindet nicht nur ein historisches Landschaftsbild, sondern auch ein Wissensspeicher zur Klima- und Erdgeschichte. Im „Ice Memory Sanctuary“ in der Antarktis werden deshalb Eisbohrkerne bedrohter Gletscher für die zukünftige Forschung bewahrt.
Gerade am Beispiel der Gletscher wurde deutlich, dass historische Schutzvorstellungen unter den Bedingungen des Klimawandels weiterentwickelt werden müssen. Erhaltung kann nicht immer bedeuten, einen bestehenden Zustand unverändert zu konservieren. Neben das traditionelle Bewahren und Restaurieren treten deshalb Prävention, Reparatur, Anpassung und Risikomanagement. Zugleich wird die Trennung zwischen Kultur- und Naturerbe zunehmend fragwürdig. Historische Gärten, Industrielandschaften und Gletscher zeigen vielmehr, wie eng natürliche Prozesse und menschliches Handeln miteinander verflochten sind.

Die Erweiterung des Erhaltungsbegriffs führt zugleich zu einer grundlegenden Frage: Ist alles, was Landschaften langfristig bewahren, auch schützenswert? Plastik, Beton und Rückstände von Atomwaffentests hinterlassen dauerhafte Spuren in Böden und geologischen Schichten. Am Kamilo Beach auf Hawaii wurden neuartige anthropogene Gesteine, sogenannte Plastiglomerate, untersucht, in denen geschmolzenes Plastik mit Sand, vulkanischem Gestein und weiteren Ablagerungen verbunden ist. Sie lassen die Grenze zwischen Naturprodukt und menschlichem Artefakt verschwimmen.
Eine ähnliche Ambivalenz kennzeichnet Industrielandschaften. Anlagen, Maschinen und Abraumhalden können als Zeugnisse der Industriegeschichte geschützt werden, beruhen aber zugleich auf tiefgreifenden Eingriffen in Natur und Landschaft. Das jüngere Kulturerbe dokumentiert daher nicht nur technische und gesellschaftliche Leistungen, sondern auch deren zerstörerische Voraussetzungen und Folgen. Scheurmann veranschaulichte diese Spannung mit einer Fotografie Edward Burtynskys von der Lithiumgewinnung in Chile aus dem Jahr 2017. Das ästhetisch eindrucksvolle Bild zeigt zugleich das Ausmaß des menschlichen Eingriffs in die Landschaft.
Zu den aus der Erinnerungskultur vertrauten Orten von Krieg und Verfolgung kehrte Scheurmann schließlich mit dem Blick auf „versehrte Landschaften“ zurück. Ehemalige Schlachtfelder bewahren bis heute Krater, Munitionsreste und weitere Spuren von Krieg und Zerstörung. Landschaft ist hier nicht nur Schauplatz historischer Ereignisse, sondern selbst ein materielles Zeugnis. Die Erinnerungen von Menschen an eine Landschaft verbinden sich mit den Spuren, welche die Landschaft selbst bewahrt.
Der Vortrag führte damit Fragen fort, die das Zentrum Erinnerungskultur und die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg bereits im November 2025 bei dem Workshop „Versehrte Landschaften – Gedächtnisorte als Naturräume, Naturräume als Gedächtnisorte“ diskutiert hatten. Landschaften, so wurde erneut deutlich, sind nicht bloß Kulissen menschlicher Geschichte. Sie sind vielschichtige Archive geologischer Prozesse, menschlicher Eingriffe und kultureller Deutungen. Erinnerungsarbeit muss deshalb nicht nur fragen, wie Menschen sich an Landschaften erinnern, sondern auch, welche Spuren die Landschaften selbst bewahren und vor welchen Hinterlassenschaften sich gegenwärtige und zukünftige Gesellschaften schützen müssen.




