27.08.2026

Werkstattgespräch mit Maximilian Forer: Die NS-Ordensburgen. Entstehung – Personal – Wahrnehmung

In einem gut gefüllten Seminarraum präsentierte Maximilian Forer von der Universität Regensburg in der letzten Sitzung des Semesters den aktuellen Stand seines Dissertationsprojekts zu den NS-Ordensburgen. Den Ausgangspunkt des Projekts datiert Forer auf das Frühjahr 1933. Zu dieser Zeit herrschte in der NSDAP ein Mangel an politisch geschulten Funktionären, obwohl die Partei gleichzeitig einen enormen Zuwachs auf rund 2 Millionen Mitglieder verzeichnete. Daraus ergab sich ab 1934 die Gründung der NS-Ordensburgen Krössinsee, Vogelsang und Sonthofen. Das Hauptziel der Einrichtungen war es, ideologisch gefestigten Nachwuchs für die Führungsebene der Partei auszubilden.

© Konrad Lytkowski

Die Bauarbeiten vollzogen sich in raschem Tempo. Bereits 1936 fand die Eröffnung statt, ab 1937 wurden reguläre Lehrgänge durchgeführt. Sie kamen allerdings schon 1939 mit Kriegsbeginn wieder zum Erliegen, da die „Junker“ und die „Stammführer“ geschlossen zur Wehrmacht eingezogen wurden. Dabei war Junker ein Begriff für die Auszubildenden. Das Lehrpersonal wurde als Stammführer bezeichnet. In diesem Zusammenhang spricht Forer von einem „Täterkollektiv“. Für besonders untersuchenswert hält er dabei das Männlichkeitsbild, das den jungen Männern in den Ordensburgen vermittelt wurde.

Die Quellenlage erweist sich als schwierig. Der Forschungsstand besteht überwiegend aus lokalhistorischen Arbeiten von historiografischen Laien, während eine wissenschaftliche Gesamtdarstellung fehlt. Daraus ergeben sich zahlreiche Desiderate: Es ist wenig bekannt über das Personal. Auch ein konkretes Curriculum ist nicht überliefert. Zudem ist die Verortung der Ordensburgen innerhalb der NS-Ideologie nicht klar festzustellen. Forer interessiert sich in seiner Arbeit besonders dafür, welche Rolle die Architektur im ideologischen Programm der Ordensburgen spielte, und fragt danach, wie die Zeit dort sich auf die spätere Tätigkeit der Absolventen auswirkte.

Im Folgenden präsentierte er erste Erkenntnisse zu Entstehung, Bau und Funktion der NS-Ordensburgen. Demnach wollte der Ideengeber und Hauptverantwortliche für die Ordensburgen, Robert Ley, mit den prestigeträchtigen Bauten und den dort durchgeführten Ausbildungsprogrammen Hitlers persönliche Gunst erhalten. Damit war er jedoch nicht erfolgreich, denn bis Herbst 1935 fanden die Ordensburgen keine besondere Anerkennung in der NS-Führungsriege. Erst später erhielt das Projekt mehr Aufmerksamkeit.

Kreisleitertagung auf der Ordensburg Vogelsang vom 22.-29.04.1937
© Bundesarchiv_Bild_146-1985-108-27A_Ordensburg_Vogelsang_Besuch_Adolf_Hitler

Die Ordensburgen entwickelten sich weder institutionell noch inhaltlich kohärent und sollten mehreren Zwecken dienen. Baulich sollten sie als Bollwerke für die innere und äußere Sicherheit stehen. Durch eine inszenierte Verwurzelung im „heimischen Boden“ und ein forciertes Kameradschaftsgefühl sollten regionale Grenzland- und Grenzkampfdiskurse verstärkt werden. Hierbei ist die Grenznähe aller drei Burgen zu beachten. Auch als Investititon in die regionale Wirtschaft waren die Burgen ein Propagandamittel und sollten zur Herrschaftssicherung beitragen. Nicht zuletzt waren sie Orte der Schulung und Auslese. Dafür boten sie den „Junkern“ kaum Privatsphäre. Permanente Kontrolle und Uniformierung sollten aus ihnen eine homogene Gemeinschaft formen. Zugleich wurde ein Männlichkeitsideal vermittelt, das Härte, Überlegenheit und Dominanz betonte, während Zweifel und Schwäche keinen Platz hatten.

Im Gegensatz zu den hochfliegenden Erwartungen funktionierte dieses ideologische Vorzeigeprojekt in der Praxis schlecht und produzierte zahlreiche Widersprüche: Der angestrebten Elitenbildung durch sozialen Aufstieg, festgelegte Karrierewege und eine elitäre Lebensweise standen unerfüllte Erwartungen, Erniedrigungen und leere Versprechen gegenüber. Statt der größten Talente zog die Ausbildung auf den Ordensburgen junge Männer aus sozial schwachen Verhältnissen an, die keine andere Möglichkeit für sozialen Aufstieg sahen. Die erlebten Widersprüche zwischen Ideologie und Alltagserfahrung hätten, so Forers These, viele „Junker“ motiviert, sich mit der nationalsozialistischen Ideologie zu identifizieren. Möglicherweise habe der Wunsch, sich gegenüber den „Stammführern“ zu beweisen, die Radikalisierung noch verstärkt.