In der Stadt ist nach wie vor ein Umbenennungsverfahren für NS-belastete Straßennamen im Gang. Nachdem die Historikerin Susanne Wein ein Gutachten dazu erstellt hat, befasst sich eine Expertenkommission damit. Eine Podiumsdiskussion am Donnerstag (7.5.26) im Thon-Dittmer-Palais machte deutlich, wie so ein Umbenennungsprozess im besten und wie im schlimmsten Fall ausgehen kann.
Zwei hochkarätige Historiker, Professorin Martina Steber vom Institut für Zeitgeschichte und Professor Johannes Großmann (LMU München), die intensiv Umbenennungsdebatten und -verfahren in Tübingen, Kempten und Kaufbeuren begleitet haben, stellten sich auf Einladung des Zentrums Erinnerungskultur den Fragen von Professor Bernhard Löffler. „Vielleicht kann man etwas lernen für Regensburg“, sagte Löffler.
In einem gemeinsamen Impulsvortrag umrissen Steber und Großmann zunächst Funktionen von Straßennamen. Neben räumlicher Orientierung gehe es dezidiert um Ehrung für Straßennamenspatrone und sogar um Sinnstiftung. Im Zuge des Städtewachstums des 19. Jahrhunderts habe hier das tonangebende Bildungsbürgertum ein Bild der deutschen Nation entworfen.

Kritisch sieht Großmann das bei Umbenennungsdebatten
immer wieder vorgebrachte Argument, Straßennamen seien wegen ihres historischen Dokumentationswerts erhaltenswert. Die Vergabe sei oft auch zufällig erfolgt und es habe immer wieder Umbenennungen gegeben.
Steber wies darauf hin, dass Ehrungen eine „Ordnung des Anstands“ etablierten, eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Tatsächlich zeichneten sich geehrte Personen bei näherer Untersuchung jedoch oft durch „biografische Ambivalenz“ aus. Bei Umbenennungsfragen, die im NS-Kontext erfolgen, gehe es dann darum, was die Gesellschaft an Ambivalenz auszuhalten bereit sei, wenn einerseits verdienstvolle Personen andererseits mit dem NS-Regime verquickt gewesen sind. Straßennamen erzählten oft mehr über die Zeit der Ehrung als über die geehrte Person. In späteren Generationen könnten sie dann „aus der Zeit gefallen“ wirken.

Bei Konflikten um Straßennamen riet Steber zu demokratischen und transparenten Verfahren, die von wissenschaftlicher Expertise begleitet werden. Dabei waren sich Steber und Großmann einig, dass Wissenschaftler sich auf die Beratung beschränken müssen und die Entscheidung über die Umbenennung natürlich bei der Politik liege.
Großmann wandte sich gleichwohl gegen allzu flapsige Bemerkungen aus dem Stadtrat von Regensburg, Straßenumbenennungen seien doch „keine Raketenwissenschaft“. Umbenennungen seien „nicht hopplahopp zu machen“. Am Beispiel Tübingen verdeutlichte er, wie wichtig strukturiertes Vorgehen und Argumentieren sei, um zu nachvollziehbaren Entscheidungen zu gelangen und Kampagnen gegen die Umbenennungen zu überstehen. Steber berichtete, wie Straßenumbenennungen in Kaufbeuren im Konsens erfolgten, während sie in Kempten für eine Spaltung des Stadtrates sorgten. In Kempten sei die Benennung der Straßen nach Lokalhonoratioren auffällig gewesen, über die meist wenig bekannt gewesen sei, wobei dann bei Nachforschungen aber oft NSDAP-Mitgliedschaften ans Licht kamen. Die Elitenkontinuität und lokale und familiäre Verflechtungen hätten die Umbenennungen in Kempten besonders schwer gemacht.

Ob es nicht historisch Konjunkturen von Straßenumbenennungen gebe, wollte Löffler wissen. Großmann verwies hier auf die großen Zäsuren 1918, 1933, 1945 und 1990. Die aktuelle Welle mit der Fokussierung auf Straßennamen spiele sich im internationalen Vergleich hauptsächlich in Deutschland ab. Seit den 1980er Jahren sei in Deutschland der Nationalsozialismus „ins Zentrum der demokratischen Selbstverständigung“ gerückt, erläuterte Steber.
„Der Nationalsozialismus gilt als Gegenteil dessen, was wir sein wollen!“ Durch das Erstarken des Rechtspopulismus werde die Rückbesinnung auf demokratische Werte noch verstärkt, die nunmehr aufgeheizten Debatten um Straßennamen würden stark moralisch aufgeladen. Die Haltung zur Demokratie werde dann an der Positionierung zu Straßennamen festgemacht.
An sich sei es schon ein Erfolg, wenn es trotz ausgebliebener Umbenennungen überhaupt zu einer innerstädtischen Debatte gekommen sei, meinte Großmann. Im schlimmsten Fall hinterlassen solche Debatten jedoch eine Stadtgesellschaft im polarisierten und gespaltenen Zustand, warnte Steber.
Wir danken dem Autor Burkhard von Grafenstein für die Erlaubnis, den Text hier zu veröffentlichen. Den originalen Beitrag finden Sie in der Regensburger Zeitung vom 09. Mai 2026, auch erschienen auf Idowa. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Mediengruppe Attenkofer.




