04.03.2026

History that hurts. Academics confronting their family histories: methodological and ethical inquiries.

Workshop mit Natali Stegmann, Ger Duijzings und Heike Karge

In einem kürzlich veröffentlichten Interview konstatiert Götz Aly, deutsche Zeithistoriker*innen hätten – anders als jüdischen Kolleg*innen – „keine Familien“. Bei weitem die meisten deutschen Historiker*innen hüllen die Vergangenheit ihrer eigenen Familie in Schweigen, selbst wenn sie sich mit der NS-Vergangenheit befassen. Als ein kleiner Schritt zur Überwindung dieser Haltung unternahm der Workshop History that hurts. Academics confronting their family histories: methodological and ethical inquiries eine tastende Annäherung an das Thema. Er brachte Historiker*innen und Anthropolog*innen zusammen, die begonnen haben, ihre eigene Familiengeschichte zu erforschen. Der Workshop vom 25. bis 26. September wurde von Natali Stegmann und Ger Duijzings (Universität Regensburg) sowie Heike Karge (Universität Graz) organisiert. Die Durchführung wurde durch die freundliche Unterstützung des Leibniz-WissenschaftsCampus Regensburg „Europa und Amerika in der modernen Welt“, des Zentrums Erinnerungskultur und der Fakultät für Philosophie, Kunst-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften (PKGG) der Universität Regensburg ermöglicht.

Alle Teilnehmer*innen gehören der dritten Generation an, sind also Enkel aktiv am Zweiten Weltkrieg beteiligter Personen und mit belastenden Familiengeschichten aufgewachsen. Auch wenn Erlebtes auf unterschiedliche Weise von Generation zu Generation weitergegeben wurde, blieben – und dies gilt für alle vorgestellten Familiengeschichten – die belastenden Aspekte dennoch verborgen oder wurden verzerrt weitergegeben. Die Teilnehmer*innen des Workshops begannen bis auf die Keynote-Speakerin erst nach ihrer wissenschaftlichen Ausbildung und mithin aus der Position eines Familienmitglieds und eine*r Wissenschaftler*in, die eigenen Familiengeschichten und Lücken in der Familienerzählung zu erforschen.

Um einen sicheren Raum für den persönlichen Austausch zu ermöglichen, war der Workshop – bis auf die Keynote von Julia Gilfert (Eberhard Karls Universität Tübingen) – nicht öffentlich. Julia Gilfert ist Kulturwissenschaftlerin und die Autorin der in mehreren Auflagen erschienenen Erzählung Himmel voller Schweigen. Fragmente einer Familiengeschichte. Das Buch erzählt davon, wie sie als junge Frau damit begann, die Umstände des frühen Todes ihres Großvaters im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms und insbesondere die Beteiligung anderer Familienmitglieder an diesem Verbrechen aufzudecken. In ihrer Keynote reflektierte sie anhand von Textbeispielen, wie sie mit dem fragmentarischen Charakter ihres Materials umgegangen ist, und zeigte dabei Möglichkeiten auf, produktiv mit Lücken, Schweigen und Nichtwissen umzugehen. Ihr Vortrag stellte darüber hinaus die Rolle ‚gefundener‘ Objekte heraus und diskutierte die persönlichen und emotionalen Herausforderungen einer familiengeschichtlichen Recherche in persönlicher Perspektive.

Alle Teilnehmer*innen des Workshops sprachen über die Verstrickung ihrer Großeltern in das nationalsozialistische Regime und darüber, wie sich deren Umgang damit im Nachkriegsleben und in familiären Beziehungen niederschlug. Die Autor*innen dieses kurzen Berichts illustrieren dies hier kurz an ihren eigenen Beiträgen: Beide richteten das Augenmerk auf ihre Großeltern mütterlicherseits, die in Deutschland sowie in den Niederlanden im Sinne des NS-Regimes aktiv waren. In beiden Fällen prägten die belastenden Familiengeschichten auch die nachfolgenden Generationen. Ger Duijzings sprach in seinem Vortrag Filling out the empty pages in the story of an abandoned child: Why was my mother rejected by my (Nazi) grandparents über seinen Großvater, der sich in den Niederlanden der Nationalsozialistischen Bewegung (Nationaal-Socialistische Beweging) angeschlossen hatte und diese während der deutschen Besatzung auf kommunaler Ebene in Maastricht vertrat. Ger Duijzings begann, die Rolle seines Großvaters vor und während des Zweiten Weltkriegs zu erforschen, weil seine Mutter von ihren Eltern abgelehnt und in die Obhut seiner Urgroßmutter gegeben worden war. Wie seine Mutter hatte auch Ger kaum Kontakt zu seinen Großeltern. Seine Mutter hatte sich Zeit ihres Lebens immer wieder gefragt, warum sie von ihren Eltern abgelehnt worden war. Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage unternahm Ger eine Archivrecherche. Erst bei dieser Recherche lernte er seine Großeltern näher kennen.

Natali Stegmann erforschte die Familiengeschichte ihrer Mutter wie später auch die ihres Vaters intensiv. Nachdem sie einen längeren Essay dazu geschrieben hatte, fand sie das Kinderfotoalbum ihrer Mutter mit Berichten ihrer Großeltern über das Ende des Zweiten Weltkriegs und die frühen Nachkriegsjahre. Diesen Fund stellte Natali Stegmann ins Zentrum ihres Beitrags My grandparents confessing the early childhood of my mother during and after the end of World War Two. Das Album dokumentierte eindrucksvoll, wie ihre Großeltern ihre junge Familie – im Wortsinn wie auch metaphorisch – durch den Moment der Niederlage navigierten. Das Zeugnis der Großeltern offenbarte viel unmittelbarer als später weitergegebene Familiengeschichten die Schwierigkeit, sich von früheren beruflichen Positionen (beim BDM und bei der Marine), Überzeugungen und Sicherheiten zu lösen. Es vermittelte auch eine Ahnung davon, wie prägend die von den Eltern beschriebenen Ereignisse für die Kinder, Natali Stegmanns 1944 geborene Mutter und deren ältere Schwester, gewesen sein müssen. Ähnliche Familiengeschichten wurden von Heike Karge (The Wehrmacht records of my grandfathers and the continued silence in my family)und Vjeran Pavlaković (Rijeka) erzählt (“I’m hoping I don’t find anything”: Memory, history, and archival work on a dark family past).

Der Workshop behandelte unsere persönlichen Geschichten nicht ihrer selbst willen; es ging vielmehr darum zu erkunden, wie ausgebildete Historiker*innen mit ihrer eigenen Familiengeschichte und den damit verbundenen intellektuellen, historiographischen, methodologischen und ethischen Schwierigkeiten umgehen können. Einige der aufgebrachten Fragen waren: Wie bewegen wir uns im Spannungsfeld von kritischer Analyse und emotionaler Bindung? Wie können wir aus den fragmentierten und begrenzten Quellen, die wir haben, unsere Familiengeschichten zusammenfügen? Welche Art historische Wahrheiten erschaffen wir, und arbeiten wir anders, wenn wir die Geschichte unserer Familie erforschen? Welche ethischen Implikationen hat diese Arbeit? Wie gehen wir mit unserem ‚privaten‘ Material um, und sind wir bereit, dieses öffentlich zugänglich zu machen? Wie prägt und verändert dies unser Verständnis von Verantwortung, Zugehörigkeit und professioneller Distanz? Und nicht zuletzt: Hat unsere Berufswahl etwas mit unserer Familiengeschichte zu tun? Schließlich beschäftigt sich ein Großteil unserer Forschungen mit Kriegen und Völkermorden, mit dem Schicksal von Kriegsopfern und Kriegstraumata (im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, der Shoa und Kriegsverbrechen an der Ostfront, den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien sowie mit Srebrenica)?

Die Workshop-Teilnehmer*innen waren auch gebeten worden, einen Gegenstand mitzubringen, der die Erforschung der eigenen Familie angestoßen hatte, der eine überlieferte Erzählung untermauerte respektive widerlegte oder der neue Forschungsansätze nahelegte. Ein geerbter Brief, ein Foto, eine Kriegsauszeichnung, ein Kleidungsstück oder sogar ein alltäglicher Haushaltsgegenstand können als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen persönlicher Erinnerung und wissenschaftlicher Untersuchung dienen. Konkrete materielle Spuren und ‚gerettete‘ oder ‚gefundene‘ Gegenstände können (neben schriftlichen oder mündlichen Quellen) tatsächlich dabei helfen, Familiengeschichten zu rekonstruieren. Ger Duijzings präsentierte das ‚Poësiealbum‘ seiner Mutter, das sie als Teenagerin geführt hatte und das eine leere Seite für ihre Mutter enthält. Diese Leerstelle veranschaulicht die wiederholten, aber erfolglosen Versuche seiner Mutter, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, warum sie verlassen wurde. Natali reflektierte über das genannte Kinderfotoalbum ihrer Mutter mit Berichten ihrer Großeltern.

Alexandra Senfft bereicherte uns, nachdem sie den Geschichten, die im Laufe des Tages entfaltet worden waren, aufmerksam zugehört hatte, mit ihren analytisch informierten Beobachtungen und einer exzellenten methodischen Einordung. Alexandra ist Autorin der vielbeachteten Familiengeschichte Schweigen tut weh: Eine deutsche Familiengeschichte (2007) sowie Der lange Schatten der Täter: Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte (2016). Außerdem arbeitete sie mit Dan Bar-On zusammen; der Psychologe initiierte und begleitete deutsch-israelische und israelisch-palästinensische Dialoge. Das Projekt fördert das Erzählen eigener schmerzhafter Geschichten und das Zuhören. Der Dialog im Konflikt versteht sich im Sinne aktiver Friedensarbeit als Teil eines Verstehens- und Annäherungsprozesses. Alexandra hat also, wenn es um Geschichten von Opfern und Tätern geht, viel Erfahrung in der Recherche, aber auch im Zuhören. Am Übergang vom Monolog zum Dialog bietet sich die Möglichkeit, so führte sie aus, von der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte zum Austausch und zur Empathie mit anderen zu finden, die Möglichkeit auch, das eigene Wissen, die eigenen Gedanken und Gefühle zu teilen und ihnen dadurch eine andere Qualität zu verleihen. Für uns als Historiker*innen und Anthropolog*innen war dies eine äußerst wertvolle Perspektive. Wir sind ihr und Julia Gilfert dankbar, dass sie ihre reichen Erfahrungen mit uns geteilt haben. Wir alle haben davon außerordentlich profitiert.


Literaturangaben

  • Bar-On, Dan. Tell your life story: creating dialogue among Jews and German, Israelis and Palestinians. Budapest: Central European University Press, 2006.
  • Gilfert, Julia. Himmel voller Schweigen. Fragmente einer Familiengeschichte. Dresden: Ultraviolett Verlag, 2022.
  • Senfft, Alexandra. Schweigen tut weh: Eine deutsche Familiengeschichte. Berlin: List Verlag, 2007.
  • Senfft, Alexandra. Der lange Schatten der Täter: Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte. München: Piper, 2016.
  • Spohr, Johannes (Hrsg.). Present Past: Wie Nachfahren ihre NS-Familiengeschichte erforschen. Berlin: Metropol Verlag, 2025.