29.02.2024

Rückblick

Zeitzeugenschaft im Film

Im Januar und Februar 2024 luden das Zentrum Erinnerungskultur und die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in Kooperation mit dem Regina Filmtheater, dem Studierendenwerk Niederbayern-Oberpfalz, dem Theater an der Uni sowie der Stadt Regensburg zu vier Filmvorführungen ein. Als Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“, die bis 31. Juli 2024 in der Universitätsbibliothek Regensburg gezeigt wird, thematisierten die Filme die Figur des bzw. der Zeitzeug*in aus verschiedenen Perspektiven.

Regina Filmtheater © Anna-Elena Schüler

Den Auftakt zur Reihe machte der Dokumentarfilm „W. – Was von der Lüge bleibt“ aus dem Jahr 2020, in dem sich der Regisseur Rolando Colla mit dem Fall Wilkomirski auseinandersetzt: Unter dem Namen Binjamin Wilkomirski veröffentlichte Bruno Dössekker 1995 eine Autobiographie über seine Kindheit im Konzentrationslager, für die er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, bis bekannt wurde, dass er seine Lebensgeschichte als NS-Verfolgter vor dem Hintergrund seiner eigenen traumatischen Kindheitserlebnisse konfabuliert hatte. Das Changieren des Films zwischen einer verständnisvollen Annäherung an die Person Dössekker bei gleichzeitigem Unverständnis für sein Handeln ließ auch das Publikum im Kinosaal ratlos, aber nicht sprachlos zurück: Kritisch wurde die Problematik der „falschen Zeugenschaft“ mit den Mitarbeiter*innen des Zentrums Erinnerungskultur diskutiert.

Publikum © Anna-Elena Schüler
Regina Filmtheater © Anna-Elena Schüler

Das Medium Film hat die gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der Erinnerung an die von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen immer wieder aufgegriffen oder sogar selbst initiiert. Das wohl prominenteste Beispiel hierfür ist die Serie „Holocaust“, die 1979 im bundesdeutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Ein Millionenpublikum folgte an den Fernsehgeräten dem Schicksal der im Nationalsozialismus verfolgten fiktiven jüdischen Familie Weiss, was eine breite Debatte um die Aufarbeitung der NS-Zeit in der BRD auslöste. Anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar 2024 zeigte das Zentrum Erinnerungskultur alle vier Teile der Serie, begleitet von Filmeinführungen, Synopsen und Gesprächsrunden, konzipiert und moderiert von Studierenden aus dem Masterstudiengang Public History und dem Bachelorstudiengang Geschichte.

Filmgespräch mit Bernd Michael Lade © Anna-Elena Schüler
Filmgespräch mit Guntram Franke © Anna-Elena Schüler

Zeugenschaft vor Gericht stand schließlich im Mittelpunkt des einem Kammerspiel nachempfundenen Filmes „Der Zeuge“ (2023). Historische Grundlage für den Film und dessen Protagonisten sind der autobiografische Bericht des Flossenbürg-Überlebenden Carl Schrade sowie dessen Aussagen im Dachauer Flossenbürg-Prozess 1946. Insgesamt elf Jahre war Carl Schrade unter anderem im KZ Flossenbürg als sogenannter „Berufsverbrecher“ interniert. Aufgrund der damit verbundenen Stigmatisierung blieb sein Zeugnis der Öffentlichkeit lange verborgen, bis es 2014 aus dem Französischen übersetzt und von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg als Buch herausgegeben wurde. Regisseur, Hauptdarsteller und Drehbuchautor Bernd Michael Lade erläuterte im Filmgespräch dem interessierten Publikum gemeinsam mit dem Produzenten und Kameramann Guntram Franke sowie dem Gedenkstättenleiter Prof. Dr. Jörg Skriebeleit die Genese des Films. Fragen der Zuschauer*innen bezüglich filmischer Entscheidungen, beispielsweise zum Kontrast von Schwarz-Weiß-Sequenzen und Farbaufnahmen oder zu durch Dolmetscherinnen wiederholten Aussagen, wurden von Lade und Franke ausführlich beantwortet.

Außenansicht Regina Filmtheater © Felix Bruckner
Besucher*innenandrang vor dem Regina Filmtheater © Anna-Elena Schüler

Die Filmreihe zum Themenkomplex Zeitzeugenschaft erfreute sich eines großen Publikums: Über 150 Zuschauer*innen konnte man bei der vierten und letzten Filmvorführung begrüßen. Der Film „Am Ende kommen Touristen“ (2007) setzt sich kritisch mit der Aufarbeitung der Vergangenheit im Umfeld des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz auseinander, das wie kein anderer Ort zur Chiffre der Shoah geronnen ist. Aus den vielfältigen Blickwinkeln eines Zivildienstleistenden in der dortigen Begegnungsstätte, eines Überlebenden des KZ, von Bewohner*innen des Ortes Oświęcim sowie von Tourist*innen beleuchtet der Film sowohl die Vergangenheit des Ortes als auch den gegenwärtigen Alltag einer polnischen Stadt im Umbruch zwischen postsozialistischem Strukturwandel und europäischer Integration. Besonders der Facettenreichtum des Filmes wurde vom Publikum geschätzt, wobei der touristische und wirtschaftliche Umgang mit dem ehemaligen Lager und den Überlebenden viele nachdenklich stimmte.

Bis Ende Juli besteht die Möglichkeit, Vorführungen der Filme „Am Ende kommen Touristen“, „Der Zeuge“ und „W. – Was von der Lüge bleibt“ für Schulklassen zu buchen. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an das Regina Filmtheater. Das gesamte zweite Schulhalbjahr über ist ein solcher Kinobesuch natürlich auch mit einer Besichtigung der Ausstellung in der Universitätsbibliothek und einem geführten Rundgang kombinierbar. Dazu können Sie uns gerne unter ausstellung.zeitzeugenschaft@ur.de kontaktieren.

Presseecho zur Filmreihe:

Die Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“ hinterfragt die „Gemachtheit“ der Interviews mit Zeitzeug*innen und ihre gesellschaftliche Rolle seit 1945. Sie gibt Einblicke in die Videosammlung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, in Interviews, die bislang nie gezeigt wurden.